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Prähistorische ,,Opferkessel"... oder Naturphänomene von Klaus Röttger 

Der Ottofelsen in der Nähe der Steinernen Renne zeigt gleich mehrere Höhlungen

Wissenschaft entzaubert fantasievolle Erklärungen einer geologischen Besonderheit

Zu den interessantesten geologischen Phänomenen des Harzes gehören die so genannten ,,Opferkessel"  oder ,,Opferschalen" auf und in den Granitfelsen. Sie sind relativ häufig anzutreffen und haben durch ihre besondere Form und Erscheinungsweise zu vielerlei Spekulationen Anlass gegeben. Schon frühzeitig wurden die Vertiefungen, die meist auf besonders exponierten Felsformationen zu finden sind,  heidnischen Kulten der Vergangenheit zugeschrieben. Die meist aus der Unwissenheit heraus genährte Fantasie hat pittoreske Szenerien entworfen: Druiden mit wehenden weißen Bärten und Haaren vor weit ins Land hinein leuchtenden Feuern, Opfer, deren Blut in den Schalen aufgefangen wurden, Verehrung von Naturgöttern in wilder, ursprünglichen Landschaft und ähnliches mehr.

Die so genannten ,,Opferschalen" kommen aber nicht nur im Harz, sondern auch in vielen anderen Mittelgebirgen vor: Im Riesengebirge, im Böhmerwald, im Fichtelgebirge, Erzgebirge, im Schwarzwald und im Elbsandsteingebirge. Auch im Südwesten von England, im Dartmoor, sind sie anzutreffen. Nicht einmal allein auf eine Gesteinsart sind sie konzentriert. Sie sind im Granit, im Sandstein und im Quarzitporphyr zu finden. Am besten sind sie allerdings im Granit ausgebildet, was auf die Zusammensetzung des Gesteins zurückzuführen ist: Felsspat, Quarz und Glimmer. In den anderen Gesteinsarten sind sie nicht so häufig.

Im Harz ist es dann auch vor allem der Granit, an und auf dem am häufigsten die schalenartigen Löcher zu finden sind. In unserer nächsten Umgebung ist es der Treppenstein im Okertal. Die ,,Trappe? mit ,,Blutrinne? auf der höchsten Erhebung ist ein eindrucksvolles Paradebeispiel dieser geologischen Besonderheit. Der Standort erfüllt alle Eigenschaften, dem ,,Opferstein" eine mythische Vergangenheit anzuheften. Er fordert geradezu dazu auf, die Fantasie in die Vergangenheit schweifen zu lassen: Opferkessel, Blutrinne, von hier aus weiter Blick ins Land, eindrucksvolle Felsenlandschaft umher. Es fehlt nur noch der Druide. Nicht weniger eindrucksvoll sind aber auch die Höhlungen auf dem Ottofelsen in der Nähe von Wernigerode, auf der Westerklippe bei Ilsenburg, die ,,Opferschalen" am Scharfenstein, Trudenstein oder die nahezu weltberühmte ,,Rosstrappe" bei Thale. 

Dass diese eindrucksvollen und von Geheimnissen umwitterten Felsenlöcher schon frühzeitig mit altgermanischen Kulten in Verbindung gebracht wurden, ist verständlich. Die Formen sind oft so ,,eindeutig künstlich", dass der Gedanke, sie seien von Menschenhand geschaffen, mehr als naheliegend sind. Zumal wenn sie, wie oft, noch diese gruselige ,,Blutrinne" aufweisen. Hinzu kommt, dass die Höhlungen in den meisten Fällen auf Felsen vorkommen, die ohnehin auffällig sind und schon allein den Vorstellungen von prähistorischen Kultstätten entsprechen.

Also Kultstätten? Die Wissenschaftler sind eindeutig und sagen: Nichts von alledem. Die mit so viel Fantasie ummantelten Erscheinungen sind auf ganz natürliche Weise entstanden. Sie sind reine Produkte von Verwitterungs- und Erosieonserscheinungen. Besonders der Granit ist anfällig aber auch andere Gesteinsarten unterliegen dem Prozess. Horizontale Flächen bleiben länger feucht und unterliegen damit im stärkeren Maß der chemischen und thermischen Verwitterung. Die,,Hydrolyse" des Feldspats und die Oxidation des eisenhaltigen Biotits bewirken bei längerem Eingreifen einen chemischen Verwitterungsprozess. Die gelösten Substanzen und die verbleibenden Reststoffe werden bei Regengüssen aus den sich immer mehr bildenden Vertiefungen ausgewaschen. Von Algen im Wasser des neuen Kelches herrührende Säuren verstärken die Intensität der Verwitterung noch. Hinzu kommt noch die Verwitterung durch Feuchtigkeit, Frost und Hitze. Der Gesteinsgrus bietet weiteren Pflanzen eine Existenzmöglichkeit. Bei ihrem Absterben bildet sich eine weitere halborganische Masse mit Schwefelsäure, die weiter zerstörend wirkt. Auf diese Weise geht die Verwitterung im Hohlraum schneller voran  als in anderen Bereichen des Gesteins. Es ist also ein regelrechter Cocktail von Einwirkungen auf den Stein, der auf den Punkt genau wirkt.

Eine Besonderheit bietet der so genannte Opferstein auf der Olbertshöhe bei Bad Suderode. Seine Mystik wurde auf andere Art entzaubert. Der mit einer Kantenlänge von etwa 70 cm flach auf dem Boden liegende Stein hat in der Mitte ein Loch und zur Mitte hin führende Rillen. Auch er gab Anlass für fantasievolle Erzählungen und Erklärungen. Da sich in der Nähe auch gleichartige Steine, wenn auch zerbrochen, finden, gingen die Erklärungen dahin, in dem Stein einen mittelalterlichen Salzleckstein zu sehen. Manchmal sind Erklärungen einfach zu profan.

Die wissenschaftlichen Erklärungen räumen also rigoros mit allen Fantasien auf, und zwar so gründlich, das keine Zweifel bleiben. Oder doch nicht? Kann nicht doch ein kleiner Rest des so schönen gruseligen, mystischen Glaubens bleiben? Wäre es nicht möglich, dass die zweifellos von der Natur geschaffenen Höhlungen auch schon unsere Vorfahren in grauer Vorzeit so stark beeindruckt haben dass sie diese gerade deshalb für kultische Zwecke benutzt haben. Ist es nicht vielleicht auch möglich, dass sie diese oder jene Veränderung mit Hammer und Meißel vorgenommen haben und auch schon einmal eine ,,Blutrinne" selbst hinzu gefügt haben? Es scheint, es ist einfach zu schwer der Fantasie wissenschaftliche Fesseln anzulegen.